Verzerrung – Ursache und Wirkung

Ursache und Wirkung ist eine semantisch fehlgeformte Oberflächenstruktur. Eine Handlung wird mit einer Reaktion gekoppelt, häufig verbunden mit der Unterstellung, dass X für den Zustand von Y verantwortlich ist. Gewöhnlich unterscheidet die Person, welche die Emotion oder den inneren Zustand erlebt, in der Darstellung so, als habe sie gar keine andere Möglichkeit zu reagieren.

Meine Frau macht mich wütend.

Diese Oberflächenstruktur vermittelt den vagen Eindruck, dass ein Mensch („meine Frau“) eine (nicht konkretisierte) Handlung ausführt, die zwingend zur Folge hat, dass eine andere Person („mich“) eine Emotion (Wut) erlebt. Fehlgeformte Oberflächenstrukturen dieser Klasse lassen sich anhand der beiden folgenden allgemeinen Formeln identifizieren.

Meine Frau       macht   mich            (…….)                wütend

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X                      Verb        Y                  Verb                 Adjektiv

(Ursache)           (Empfindung,          (eine Emotion oder

Erlebnis)           ein innerer Zustand)

oder

Dein     Lachen         lenkt     mich ab.

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X       Verb              Verb           Y

(Ursache)

 

Das Identifizieren semantisch fehlgeformter Sätze soll deinem Gesprächspartner helfen, zu erkennen, welche Teile seines Modells auf eine Weise verzerrt sind und so Erlebnismöglichkeiten beeinträchtigen. Durch die Metafrage wird die Eigenverantwortung für den emotionalen Zustand wieder in den Vordergrund gestellt.

Du langweilst mich.

Um den Paraphrasierungstest anzuwenden, setze das Verb dieser Oberflächenstruktur an das Ende der neuen Oberflächenstruktur. Setze an die ursprüngliche Position des Verbs das Prädikat „machen“ oder „bewirken“ und füge dem Satz schließlich noch das Zeitwort „fühlen“ oder „erleben“ hinzu. Ergebnis:

Du bewirkst, dass ich mich langweile.

Nun stellt sich die Frage, ob diese neue Oberflächenstruktur und die Ursprüngliche das Gleiche bedeuten. Trifft dies zu, wird die ursprüngliche Oberflächenstruktur als semantisch fehlgeformt erkannt.

 

Beispiele und Übung

Musik erfreut mich.                       =          Musik bewirkt, dass ich mich freue.

Mein Mann mag mich.                  ≠          Mein Mann bewirkt, dass ich mich gemocht fühle.

Deine Gedanken nerven mich.   =         Deine Gedanken bewirken, dass ich mich genervt fühle.

Polizisten verfolgen mich.            ≠         Polizisten bewirken, dass ich mich verfolgt fühle.

 

Auch die folgende oft vorkommende Oberflächenstruktur ist dieser Klasse zuzurechnen:

Ich bin traurig darüber, dass du unseren Hochzeitstag vergessen hast.

oder

Ich bin traurig, da du unseren Hochzeitstag vergessen hast.

oder

Ich bin traurig, weil du unseren Hochzeitstag vergessen hast.

Diese drei Oberflächenstrukturen lassen sich wie folgt paraphrasieren:

Dein Vergessen unseres Hochzeitstags macht mich traurig.

 

Weitere Beispiele:

Ich bin deprimiert, weil du mir nicht helfen wirst. = Deine Hilfeverweigerung deprimiert mich.

Ich bin einsam, weil du nicht hier bist.                          = Wegen deiner Abwesenheit fühle ich mich einsam.

Ich freue mich darauf, dass ich fahre.                          = Meine Reise macht mich froh.

 

ACHTUNG: Obwohl der Paraphrasierungstest auch hier funktioniert, ist die Oberflächenstruktur nicht fehlgeformt, da beide Nomen, X und Y, im Fall der allgemeinen Form den gleichen Bezugsindex aufweisen.

Sie fühlt sich verletzt, weil Sie sie nicht beachten. = Ihre Nichtbeachtung verletzt sie.

Die Konjunktion „aber“, die sich Diese Oberflächenstrukturen werden in dieser allgemeinen Form als implizite Kausative bezeichnet.

Ich möchte von zu Hause weg, aber mein Vater ist krank.

X, aber Y.

Der durch X repräsentierte Teil der Oberflächenstruktur bezeichnet etwas, das der Gesprächspartner will („von zu Hause weg“), der durch Y repräsentierte Teil bezeichnet die Bedingung oder den Grund („mein Vater ist krank“), die oder der den Gesprächspartner hindert, X zu bekommen. Das Kranksein des Vaters hindert ihn, sein Elternhaus zu verlassen.

Ich möchte nicht von zu Hause weg, aber mein Vater ist krank.

Bei dieser Form von implizitem Kausativ repräsentiert das X etwas, das ein Gesprächspartner nicht will („von zu Hause weg“) und Y repräsentiert die Bedingung oder den Grund, die oder der den Gesprächspartner zwingt, etwas zu erleben, das er nicht will („mein Vater ist krank“). Die Krankheit des Vaters zwingt ihn, das Elternhaus zu verlassen.

Für beide ist charakteristisch, dass der Gesprächspartner keinen Entscheidungsspielraum zu haben glaubt.

Beispiele:

            Ich würde mich verändern, aber viele Menschen sind von mir abhängig.

            Ich möchte nicht wütend werden, aber sie beschuldigt mich ständig.

            Ich würde der Sache gern auf den Grund gehen, aber ich beanspruche zu viel Zeit.

            Ich bin nicht gern verklemmt, aber mein Job lässt mir keine Wahl.

 

Es gibt drei verschiedene Möglichkeiten mit impliziten Kausativen umzugehen:

  1. Du kannst die Ursache-Wirkung-Beziehung akzeptieren und den Gesprächspartner fragen, ob der beschriebene Sachverhalt immer zutrifft.

Ich möchte nicht wütend werden, aber sie beschuldigt mich ständig.

Du fragst:   Wirst du immer wütend, wenn sie ich beschuldigt?

Oft wird dem Gesprächspartner auf diese Frage hin klar, dass „sie“ ihn oft beschuldigt hat, ohne dass er daraufhin wütend wurde. Dadurch entsteht die Möglichkeit zu untersuchen, wie sich die Situationen, in denen er nicht mit Wut auf die Beschuldigungen reagiert hat, von jenen unterscheiden, in welchen die Beschuldigungen den Gesprächspartner quasi„automatisch“ wütend gemacht haben.

  1. Du kannst die Ursache-Wirkung-Beziehung auch akzeptieren und den Gesprächspartner auffordern, diese Beziehung des impliziten Kausativums ausführlicher zu beschreiben.

Du fragst: Wie genau machen ihre Beschuldigungen dich wütend?

 Du fragst so lange nach Spezifikationen, bis er ein klares Bild vom Prozess der impliziten Verursachung, so wie das Modell des Gesprächspartners sie repräsentiert, gewonnen hat.

  1. Du kannst die Ursache-Wirkung-Beziehung hinterfragen. Nützlich ist eine Formulierung einer Oberflächenstruktur, welche die Beziehung umkehrt.

Ich möchte nicht wütend werden, aber sie beschuldigt mich ständig.

Du fragst: Das heißt, wenn sie dich nicht beschuldigen würde, würdest du auch nicht wütend werden – richtig so?

oder

Ich möchte von zu Hause weg, aber mein Vater ist krank.

Du fragst: Das bedeutet, wenn dein Vater nicht krank wäre, würdest du von zu Hause fortgehen, oder?

Diese Technik fordert den Gesprächspartner auf, die für sein Modell charakteristischen Bedingungen, die verhindern, dass er seinen Wunsch realisiert, umzukehren oder die für sein Modell spezifischen Bedingungen, die ihn zwingen, etwas zu tun, dass er nicht tun will, umzukehren oder zu entfernen. Anschließend fragt man ihn, ob er aufgrund dieser Umkehrung zur Erfüllung seines Wunsches kommt.

Ich möchte von zu Hause weg, aber mein Vater ist krank

Die Oberflächenstruktur X, aber Y enthält eine Tilgung. Ihre vollständige Form ist: X und nicht X, da Y:

Ich möchte von zu Hause weg, aber mein Vater ist krank

Ich möchte von zu Hause weg und (ich kann nicht/ich werde nicht) mein Zuhause verlassen, weil mein Vater krank ist.

Diese neue Oberflächenstruktur beinhaltet eine Wenn-dann-Konstruktion, in welcher der zweite Teil der vollständigen Repräsentation umgekehrt und außerdem sowohl dem Teil X als auch dem Teil Y eine Negation hinzugefügt wird.

Wenn mein Vater nicht krank wäre, dann (könnte ich nicht/ würde ich nicht) nicht von zu Hause weggehen.

Oder bei doppelter Negativierung

Wenn mein Vater nicht krank wäre, dann könnte/würde ich von zu Hause fortgehen.

 Konfrontiere deinen Gesprächspartner mit der gegenteiligen Generalisierung und fordere ihn auf, diese zu bestätigen oder zu verneinen.

Du fragst: Wenn dein Vater nicht krank wäre, würdest du dann von zu Hause weggehen?

Eine weitere Technik, besteht darin, die Generalisierung über das implizite Kausativ zu stärken, indem man den Modaloperator der Notwendigkeit in die Oberflächenstruktur einfügt und seinen Gesprächspartner auffordert, die neue Version zu bestätigen oder abzulehnen.

Ich möchte von zu Hause weg, aber meinVater ist krank.

Du fragst: Willst du damit sagen, dass das Kranksein eines Vaters dich zwingend daran hindert, Ihr Elternhaus zu verlassen?

 Schreckt dein Gesprächspartner an diesem Punkt zurück, weil du die beiden Ereignisse X und Y zwingend miteinander verbindest, kannst du gemeinsam mit deinem Gesprächspartner untersuchen, inwiefern die Verbindung nicht zwingend ist. Ist dies nicht der Fall und akzeptiert dein Gesprächspartner die verstärkte Oberflächenstruktur, kann mit der Erforschung der Funktionsweise dieser zwingenden Kausalverbindung begonnen werden, was durch Fragen nach weiteren Spezifikationen bezüglich dieser Verbindung geschieht.

Beispiele und Fragetechnik

Er macht mich traurig.                                    Wie

Er frustriert mich.                                              Wie genau macht er es, was tut er, dass du  frustriert bist?

Es ärgert mich, wenn sie nervös ist.           Wie würdest du stattdessen gerne reagieren? Gab es schon mal eine Situation, wo dich ihre Nervosität nicht geärgert hat?