Verzerrung – Gedankenlesen

Diese semantisch fehlgeformten Oberflächenstrukturen beinhalten die Überzeugung des Sprechers, ein Mensch könne wissen, was ein anderer denkt und fühlt, ohne dass die zweite Person irgendetwas direkt mitgeteilt hat.

Alle in der Gruppe finden, dass ich zu viel Zeit beanspruche.

Damit behauptet der Sprecher praktisch, er wisse, was im Geist aller anderen Gruppenmitglieder vor sich gehe.

 

Beispiele und Übung

Überprüfe, welche der folgenden Oberflächenstrukturen die Behauptung beinhaltet, dass einMensch die Gedanken oder Gefühle eines anderen kennt.

Henry ist auf mich wütend.                                Ja

Martha berührte mich an der Schulter.       Nein

Du weißt, was ich sagen will.                              Ja

Du kannst sehen, wie ich mich  fühle.              Ja

John hat mir gesagt, er sei wütend.                 Nein

Ich weiß, wann ich ihn glücklich mache.       Ja

 

Weniger unmittelbar einleuchtende Beispiele sind

Wenn sie mich lieben würde, würde sie immer tun, was ich mir von ihr wünsche.

Ich bin enttäuschtdarüber, dass du keine Rücksicht auf meine Gefühle genommen hast.

Mit der semantischen Fehlgeformtheit im Gedankenlese-Modell kannst du prinzipiell auf die gleiche Weise umgehen wie mit jener der Ursache-Wirkungs-Kausalität. In beiden Fällen vermittelt die Oberflächenstruktur ein Bild eines Prozesses, das viel zu vage ist, als klar erkennen zu können, was das Modell beinhaltet.

Oberflächenstrukturen wie Ursache-Wirkung und Gedankenlesen beinhalten, dass in Teilen des Modells des Gesprächspartners stark beeinträchtigende Verzerrungen bestehen. Ihr Gesprächspartner hat das Gefühl, keine Wahl zu haben, da seine Emotionen durch Kräfte beeinflusst werden, denen gegenüber er machtlos ist. Erkanndiese Situation deshalb kaum beeinflussen, weil er sich bereits sicher ist, was die übrigen an der beschrieben Situation beteiligten Personen denken und empfinden. Deshalb reagiert er im Sinne seiner Annahme, ohne zu berücksichtigen, dass seineAnnahmen unzutreffend sein können. Andererseits kann er sich schuldig oder zumindest verantwortlich dafür fühlen, dass er bei einem anderen Menschen eine emotionale Reaktion „verursacht“ hat.

Bei Vorliegen von Gedankenlesen kann ihr Gesprächspartner generell unterlassen, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken, weil er glaubt, andere wüssten ohnehin,was sie denken und fühlen. Es geht darum, genau zu klären, wie jemand zu diesem Wissen gekommen ist. Die angebliche Fähigkeit, Gedanken anderer Mensch zu lesen, und die Annahme, jemand anderes könne die eigenen Gedanken lesen, isteine für eine große Zahl von interpersonalen Problemen und Missverständnissen verantwortlich.

Du fragst nach einer expliziten Darstellung des durch Oberflächenstrukturen dieser beiden Klassen implizierten Prozesses im Wesentlichen mit „Wie?“. Ebenso im Fall der unvollständigen spezifischen Verben bist du auch hier erst zufrieden, wenn du ein klares Bild von dem beschriebenen Prozess vor Augen hast.

Henry macht mich wütend.

Frage:       Wie genau macht Henry dich wütend?

Antwort:    Er berücksichtigt nie meine Gefühle.

Du hast nun folgende Möglichkeiten zu reagieren:

  1. Welche Gefühle genau?
  2. Woher weißt du, dass er nie deine Gefühle berücksichtigt?

Du entscheidest dich z.B. für Frage b) und dein Gesprächspartner antwortet:

            Weil er abends so lange wegbleibt.

Daraus ergeben sich für dich folgende Möglichkeiten:

  1. Macht Henrys langes abendliches Wegbleiben dichimmer wütend?

Bedeutet Henrys abendliches Wegbleiben immer, dass er deine Gefühle nicht berücksichtigt?